Was übrig bleibt, wenn jemand aufgibt.

Kurzinfo

Wie zwei dänische Designklassiker zu mir in die Werkstatt kamen

Der Anruf kam von der Schreinerei Mayer hier in Mauerstetten. Er hatte zwei Sessel in der Werkstatt stehen – ob ich mir die mal ansehen könnte, die müssten neu bezogen werden.

Als ich dann vor ihnen stand, hatte ich zwei Gedanken gleichzeitig. Puh, wie kann man nur?! Und den zweiten: Die können wieder richtig schön werden. Die will ich unbedingt neu polstern und beziehen!

Und dann habe ich die Gestelle genauer angeschaut. Diese Linien, dieses Holz – ich habe ein Faible für dänisches Design, bei Kleidung genauso wie bei Möbeln. Und spätestens in diesem Moment war ich ein bisschen verliebt.

Nahaufnahme des originalen France & Søn Aufklebers am gebrochenen schichtverleimten Rahmen eines Finn Juhl 136 Sessels in der Schreinerei
© Die Raumausstatterin

Der Aufkleber

Was ich bei solchen Aufträgen immer mache: Ich schaue, ob irgendwo eine Marke, ein Modell, ein Datum oder sonst ein Hinweis zu finden ist. Und hier war das der Fall.

An einem der Gestelle habe ich dann auch einen kleinen Aufkleber gefunden. France & Søn.

Zu Hause habe ich mich dann hingesetzt und recherchiert. Fotos aus allen Ansichten gesucht, weil so wenig von der ursprünglichen Polsterung noch übrig war. Ich musste verstehen wie diese Stühle original gepolstert aussahen – weil ich genau das ja wieder herstellen wollte.

Und dann hatte ich ihn. Da auf dem Bildschirm. Finn Juhl, France Chair, Modell 136. Ich wusste es – ein Däne. Natürlich ein Däne.

Ein Sessel aus den 1950er und 60er Jahren, der bis heute neu aufgelegt wird. Einer von denen, bei dem man sofort versteht warum.

Warum der Rahmen gebrochen ist

Jetzt zu dem, was ich vorgefunden hatte. Und warum ich innerlich den Kopf geschüttelt habe.

Ein anderer Polsterer hatte vermutlich versucht, die Unterfederung des Sitzes zu stabilisieren. Die Idee: einen Flächengurt quer über die vorhandenen Federbänder spannen und festtackern. Das Problem: Der in Form gebogene, schichtverleimte Rahmen hat der Spannung nicht standgehalten und ist gebrochen.

Und dann, anstatt die Spannung sofort zu nehmen, indem man den Gurt wieder entfernt, kamen die Stühle so wie sie waren zur Schreinerei Mayer. Der hat den Rahmen wieder geleimt. Und dann kam ich.

Finn Juhl 136 Sessel mit altem braunen Cordbezug auf der Rückenlehne und zerfallener Sitzfläche mit Flächengurt, Zustand bei Anlieferung in der Werkstatt
© Die Raumausstatterin
Abgezogener alter Schaumstoff eines Finn Juhl 136 Sessels – vollständig zerbröckelt und aufgelöst, Zustand nach dem Abziehen des alten Bezugs
© Die Raumausstatterin

Erst rechnen, dann loslegen

Bevor ich anfange, kommt immer das Angebot. Ich nehme Maße, und kalkuliere das Material – Gurte, Federleinen, Schaumstoff, Vlies – dann schicke ich das Angebot und warte auf das OK. Erst dann geht es los.

Die Stühle wurden zu mir in die Werkstatt geliefert.

Das Erste, was ich gemacht habe: Alles alte was noch an den Gestellen war, kam runter. Wirklich alles. Wenn ich etwas nicht mag, dann sind das alte Tackerklammen die noch halb im Holz stecken oder abstehen und an denen man sich die Hände aufreißen kann. Saubere Gestelle sind die Grundlage für saubere Arbeit.

Der Polsteraufbau

Jetzt kommt der Teil den die meisten nicht sehen.

Im Sitz habe ich eine Kombination aus Gummi- und Jutegurten gewählt. Die Jutegurte bringen die Stabilität, die Gummigurte die Elastizität. Das ganze muss Straff genug sein, damit man nicht das Gefühl hat in einer Hängematte zu sitzen. Aber es darf nicht zu straff sein, sonst bricht der Rahmen wieder.

Nach dem Gurten kam die erste Sitzprobe. Nur weil die Gurte halten, heißt das noch nicht, dass das Gestell mitmacht, wenn plötzlich Körpergewicht drauf ist. Glück gehabt, hat gehalten.

Frisch geflochtene Kombination aus schwarzen Gummigurten und beigen Jutegurten als neuer Unterbau im Sitz eines Finn Juhl 136
© Die Raumausstatterin
Hand beim Aufziehen des hellgrauen Wollstoffs über die Rückenlehne eines Finn Juhl 136 mit Polsterstecker zur Fixierung
© Die Raumausstatterin

Die Bezugsarbeit

Über die Gurtung kam Federleinen, leinwandbindig verwebt, damit sich der Schaumstoff später nicht durch stanzen kann. Dann der Schaumstoff. Hier musste ich abwägen: Würde ich den Schaumstoff zu hoch wählen, könnte man die Unterarme nicht mehr auf den Armlehnen ablegen. Die Optik des Designs würde dann auch nicht mehr stimmen. Der Schaumstoff wurde anschließend mit Polstervlies kaschiert, das verhindert den sogenannten Radiereffekt zwischen Schaumstoff und Stoff und verlängert die Haltbarkeit erheblich.

Beim Stoff haben die Kunden einen leinwandbindigen flach gewebten Wollstoff in Hellgrau, gewählt. Zeitlos, angenehm in der Haptik, genau richtig für diese Stühle. Rechtwinklig und fadengerade spannen, das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht.

Den Abschluss an Sitz und Rücken habe ich nicht getackert, sondern per Hand mit dem verzogenen Stich zugenäht. Das ist mehr Arbeit, aber die sauberere Lösung.

Das Ergebnis

Zum Schluss hat das Gestell noch etwas Liebe und Pflege bekommen und dann waren sie fertig.

Ich habe mich das erste Mal auf einen der neu bezogenen Stühle gesetzt und war sehr zufrieden.

Fertig neu bezogener Finn Juhl 136 Sessel in hellgrauem Wollstoff, Schrägansicht von vorne, Teakholzgestell, Werkstatt Die Raumausstatterin
© Die Raumausstatterin

Was dieser Auftrag gezeigt hat

Polstern heißt nicht: alter Stoff ab, neuer Stoff drauf. Es heißt: verstehen, was da ist. Respektieren, was das Möbel war und es so neu aufbauen, dass es wieder das werden kann, was es immer hätte sein sollen.

Wenn Sie auch ein Möbel haben, das Ihnen wichtig ist und das vielleicht schon bessere Tage gesehen hat, ob Finn Juhl 136 oder etwas ganz anderes, schreiben Sie mir gerne.

Ich schaue es mir an und sage Ihnen ehrlich, was möglich ist.

 

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